1. Bundesliga: Einzigartiger Sport gastierte in Essen

Ein Bericht der WAZ:
Die Ruhr Rollers vom Tusem Essen luden am Samstag in die Klaus-Schorn-Halle zu ihrem Heimspieltag in der 1. Bundesliga im „Powerchair Hockey“ ein. Was Zuschauer dort erlebten.

Mit Vollgas durch die Sporthalle, 180-Grad-Drehungen, quietschende Reifen und Zusammenstöße wie beim Autoscooter – das ist Powerchair Hockey (PCH).

Das Training der Elektrorollstuhlsportler ist schnell und hart. Wer das nicht glaubt, würde es spätestens beim Austesten eines Powerchairs – die eigens für die Parasportart modifizierten E-Rollstühlen – was der Autor durfte. Nur einmal leicht den Stick nach vorne gedrückt und es geht ab. Den Stuhl dabei dann geradeaus zu halten oder zu lenken ohne sich direkt wie ein Kreisel zu drehen – alles andere als leicht, Fliehkräfte inklusive.

„Für viele Parasportler ist Powerchair Hockey die einzige Möglichkeit, einen körperlich herausfordernden Sport zu betreiben“, erklärt der 2. Trainer der Ruhr Rollers Robert Zühlsdorf. „Nach einem Spiel schwitzt der Rücken schon ordentlich.“ Bei Sportlern mit Spastiken zum Beispiel können die Muskeln schnell verkrampfen. Dann übernehmen Zühlsdorf und sein Trainerkollege Georg Kruse die Rolle des Physios. Hinzu kommt, dass Powerchair Hockey auch was von Schach hat – Züge müssen gut überlegt sein. Die Rollstühle sind zwar wendig, dennoch kostet jeder falsche Weg Kraft und ist ein Zeitgewinn für den Gegner.

Essener Powerchair Hockeyteam Ruhr Rollers ist in die 1. Bundesliga aufgestiegen

Als Team aus dem ganzen Ruhrgebiet gibt es die Ruhr Rollers seit 1993, 1995 schlossen sie sich dem Tusem Essen an. Nach dem Aufstieg im letzten Jahr spielen sie jetzt erstmals seit 2018 wieder 1. Bundesliga. „Da ist das Spiel ein ganz anderes, viel schneller. Daran müssen wir uns im Training erstmal gewöhnen“, blickt Spieler und Abteilungsleiter Lars Dyringer noch skeptisch auf die Saison. In der ersten erreichen die Rollstühle 15, statt 10 km/h wie in der zweiten Liga. „Unser Ziel ist jetzt der Klassenerhalt.“

Insgesamt gibt es im Powerchair Hockey (PCH) in ganz Deutschland nur zwei Bundesligen à 6 Teams, die gemischtgeschlechtlich sein können. Einen Spielbetrieb auf regionalen Ebenen gibt es nicht. Wirtschaftsstudent Dyringer spielt selber seit 2013. Körperlich ist er so weit eingeschränkt, dass er keinen Schläger mit seinen Händen halten kann. Zum Passen und Toreschießen nutzt er wie andere auch, einen Stick, der vorne am Rollstuhl montiert wird. Auch Menschen, die ihren Elektrorollstuhl mit dem Mund steuern müssen, könnten mitspielen. Dass Inklusion hier so gelingt, macht Powerchair Hockey im Parasport besonders.

Für Außenstehende kann ein Spiel, wenn die Rollstühle auf dem Feld ineinander crashen, recht gefährlich wirken, aber: „Einen schlimmen Unfall oder eine Verletzung habe ich noch nie miterlebt“, beruhigt Dyringer. Ja, ein paar Mal seien Rollstühle schon umgekippt, aber alles glimpflich ausgegangen. Zur Prävention sind Powerchairs im Vergleich zu normalen Elektrorollstühlen nicht nur schneller, sondern auch mit Schutzrahmen und einem tieferen Schwerpunkt ausgestattet.

Parasport Powerchair Hockey: Individuelle Punkteklassifizierung gleicht Unterschiede aus

Ihre Sportgeräte sind einheitlich, die PCH-Sportlerinnen und Sportler selbst aber haben unterschiedliche Behinderungsgrade. Einige sind im Alltag auch nicht auf einen Rollstuhl angewiesen. Je nach Schwere der körperlichen Einschränkungen erhalten sie für den PCH-Wettbewerb eine bestimmte Punkteklassifizierung. Spieler wie Dyringer bekommen 0,5 Punkte zugeteilt, andere, die mit Handschlägern antreten können, auch bis zu 4 oder 4,5 Punkten.

Ein Team besteht aus vier Feldspielern plus Torwart. Um gleiche Voraussetzungen herzustellen, muss jedes 12 Punkte auf den Platz bringen. Gespielt wird zweimal 20 Minuten auf 26 Metern Länge und 16 Metern Breite. Die Tore, in die ein gelochter Plastik-Floorball geschossen werden muss, sind 2,5 Meter breit und 20 Zentimeter hoch. Schießt ein Spieler mit einem festen Stick am Rollstuhl ein Tor, zählt das doppelt.

Daher trainieren die Ruhr Rollers jeden Donnerstagabend vor allem auch solche Spielzüge. Über die Seiten kommen Spieler mit Handschlägern, passen in die Mitte vors Tor, wo ein Stick-Spieler im richtigen Moment den Ball erwischen muss. Präzisionsarbeit. „Konzentration! Ihr wisst doch, wie das geht“, schreit Trainer Georg Kruse durch die Halle.

Tusem Essen: Powerchair-Hockey-Team stemmt hohe Kosten für Spielbetrieb

Den Spielbetrieb des Essener Powerchair-Hockey-Teams aufrecht zu erhalten, ist für alle ebenfalls eine Herausforderung. Anschaffung und Wartung der Elektrorollstühle, die Sport-Ausrüstung und Reisen mit Übernachtungen zu Spielen in ganz Deutschland – finanziell kommt da was zusammen.

„Wir benötigen pro Jahr etwa 50.000 Euro“, rechnet Trainer Zühlsdorf vor. Der Tusem als Stammverein helfe dabei schon sehr weiter. „Ohne ihn ginge es gar nicht.“ Auf Spenden und Sponsorengeldern seien die Ruhr Rollers aber stets angewiesen. Und auch logistisch ist das wöchentliche Training und die Fahrten zu den Saisonspielen für die Parasportlerinnen und -sportler eine Anstrengung. „Nicht alle haben immer ein Auto beziehungsweise eine Transportmöglichkeit zur Verfügung. Viele sind zudem auf eine Assistenz angewiesen“, schildert Lars Dyringer, „aber alle versuchen so oft es geht und überall dabei zu sein.“

QUELLE: https://www.waz.de/sport/lokalsport/essen/article410931602/1-bundesliga-in-essen-in-diesem-einzigartigen-sport-kommt-es-zum-heimspiel.html

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