„TUSEM lebenslänglich“ – Folge 5

Gerd Zachäus: „Mr. Marathon“ des TUSEM

Gerd Zachäus ist auf der Laufbahn in seinem Element.

Wer beim TUSEM über den legendären Marathon am Baldeneysee spricht, kommt an einem Namen nicht vorbei: Gerd Zachäus. Über Jahrzehnte war er das Gesicht des Laufsports auf der Margarethenhöhe und in Essen – Organisator, Netzwerker, Ideengeber und Ansprechpartner für unzählige Läuferinnen und Läufer. Viele nennen ihn bis heute nur „Mr. Marathon“ – ein Spitzname, den er sich über viele Jahre harter Arbeit verdient hat.

Dabei begann alles ganz unspektakulär. 1978 lief Gerd Zachäus ohne Verein durch Essen. Bei einem seiner Läufe traf er auf den damaligen TUSEM-Leichtathleten August Blumensaat. Der schaute sich den sportlichen Mann an und sagte einen Satz, der dessen Leben verändern sollte: „Wenn einer so läuft wie du, dann musst du zum TUSEM kommen.“

Gerd musste nicht lange überlegen. Er trat ein – und fand weit mehr als nur einen Sportverein. „Der TUSEM war für mich wie eine zweite Heimat“, sagt er heute. Diese Heimat bestand damals aus Menschen, die füreinander da waren. Die Leichtathletikabteilung gehörte zu den stärksten in Essen. Nach dem Training traf man sich im Clubhaus, diskutierte über Wettkämpfe, plante die nächsten Läufe oder saß einfach zusammen. Oft waren 20 oder 25 Leute dort. Es wurde gelacht, gefachsimpelt und manchmal bis spät in den Abend zusammengesessen.

Seine große Leidenschaft war das Laufen. Und zwar mit voller Hingabe. Fünf- bis sechsmal pro Woche stand Training auf dem Programm. Vor Marathonläufen wurden Strecken von mehr als 30 Kilometern absolviert. Vom Stadtwald über Heisingen bis zur Ruhr und wieder zurück. Teilweise wurde sogar zweimal am Tag trainiert. Für andere Sportarten blieb da keine Zeit. „Da bleibt keine Kraft mehr übrig“, sagt er heute mit einem Schmunzeln.

Acht Marathons lief er selbst. Seine persönliche Bestzeit lag bei 2 Stunden, 40 Minuten und 56 Sekunden – eine Zeit, auf die er noch immer stolz ist. Doch irgendwann wurde aus dem aktiven Läufer immer mehr der Organisator.

Im Jahr 1990 übernahm er beim TUSEM zunächst Verantwortung in der Leichtathletikabteilung, wurde zweiter Vorsitzender und später Organisationsleiter des Marathons. Von da an entwickelte sich der Marathon zu seinem Lebensprojekt.

Wer glaubt, eine Laufveranstaltung bestehe nur aus Startschuss und Zielbogen, hätte einmal eine Zeit lang mit Gerd Zachäus verbringen sollen. Genehmigungen mussten eingeholt werden. Gespräche mit Polizei, Feuerwehr, Gesundheitsamt, Straßen.NRW und Stadtverwaltung geführt werden. Sponsoren mussten gewonnen, Helfer organisiert und Strecken geplant werden. Wochen und Monate Arbeit steckten hinter einem einzigen Veranstaltungstag. Und Gerd liebte genau das, trotz aller Schwierigkeiten.

Er wurde zu einer festen Größe in der deutschen Marathonszene. Jahr für Jahr reiste er nach Hamburg, Berlin, Frankfurt, Würzburg, Trier oder Tübingen. Auf Laufmessen warb er für Essen und den TUSEM, knüpfte Kontakte und überzeugte Läuferinnen und Läufer, ins Ruhrgebiet zu kommen.

„Das hat mir einfach Spaß gemacht“, erzählt er. „Ich habe dabei gar nicht gemerkt, dass ich älter geworden bin.“ Sein Netzwerk reichte weit über Essen hinaus. Dadurch gelang es ihm immer wieder, Spitzenathleten nach Essen zu holen. Deutsche Meister, Olympiateilnehmer und internationale Topläufer standen beim TUSEM-Marathon an der Startlinie. Wenn Bundestrainer oder bekannte Athleten den Weg nach Essen fanden, machte ihn das stolz. Es zeigte ihm, dass die Arbeit vieler Ehrenamtlicher wahrgenommen wurde.

Zu den schönsten Erinnerungen gehören für ihn die Momente, in denen der Marathon ganz Essen bewegte. Als Joey Kelly einmal an den Start ging, standen schon früh morgens zahlreiche Fans an der Strecke. Die Menschenmengen beeindruckten selbst den erfahrenen Organisator. „Da standen die Massen“, erinnert er sich noch heute.

Unvergessen bleibt auch die Corona-Zeit. Während fast überall Laufveranstaltungen abgesagt wurden, gelang es dem TUSEM unter strengen Auflagen mit einer sehr begrenzten Teilnehmerzahl einen Marathon durchzuführen. Mit Genehmigungen von Gesundheitsamt, Ordnungsamt und Polizei entstand ein Konzept, das funktionierte. Die Strecke war offiziell vermessen, die Zeiten wurden anerkannt und später sogar in Bestenlisten aufgenommen. Noch lange danach meldeten sich Veranstalter aus anderen Teilen Deutschlands und fragten, wie Essen das geschafft hatte.

Natürlich erlebte Gerd auch die kuriosen Seiten des Marathon-Sports. Läufer, die versuchten abzukürzen. Teilnehmer, die mit fremden Chips liefen oder sich Zeiten erschleichen wollten. Manche Geschichten sind heute legendär. Gerd konnte oft schon auf den ersten Blick erkennen, wenn etwas nicht stimmte.

Doch trotz aller Anekdoten steht für ihn etwas anderes im Mittelpunkt: die Menschen. Die Helferinnen und Helfer, die Jahr für Jahr an den Verpflegungsständen standen. Die Vereinsmitglieder, die Strecken absicherten. Die Familien, die mitzogen. Vor allem seine eigene: „Ohne meine Frau hätte ich das alles gar nicht machen können“, sagt er. Seine Frau unterstützte ihn über Jahrzehnte. Sie half bei Veranstaltungen, auf Messen und an der Strecke. Auch Tochter und Sohn waren am Anfang dabei.

Wenn Gerd heute auf seine Zeit beim TUSEM zurückblickt, dann denkt er nicht zuerst an Urkunden oder Bestzeiten. Er denkt an Gemeinschaft. An Menschen, die zusammen etwas geschaffen haben. An ein Clubhaus voller Leben. An lange Gespräche nach dem Training. An Tausende Läuferinnen und Läufer, die in Essen gestartet sind. Und an einen Verein, der ihm eine sportliche Heimat gegeben hat.


Steckbrief Gerd Zachäus
Alter: 85.
Beim TUSEM seit: 1978.
Sportart: Leichtathletik (Laufen).
Amt: „Mr. Marathon“ (Organisator des TUSEM-Marathon und weiterer Läufe), ehem. Beisitzer der Leichtathletik-Abteilung, ehem. Mitglied des Präsidiums.
Vorherige Vereine: Motor Gößnitz (Fußball).
Diese Sportart im TUSEM würde ich gerne ausprobieren: –
Davon bin ich Fan: FC Schalke 04 und TUSEM (Handball).
Die Margarethenhöhe ohne den TUSEM… wäre etwas weniger lebendig.
Der TUSEM in einem Wort: Gemeinschaft.