„TUSEM lebenslänglich“ – Folge 9

Christian Hülsmann: „Der TUSEM ist eine Macht“

Christian Hülsmann in der Klaus-Schorn-Sporthalle.

Christian Hülsmann hat beim TUSEM nie ein Tor geschossen. Er hat keinen Handball geworfen, keinen Gegner umkurvt und auch nie Boxhandschuhe übergestreift. Und doch hat er den Verein in mehr als sechs Jahrzehnten geprägt. Vielleicht sogar mehr, als man auf den ersten Blick vermuten würde.

„Wenn du den TUSEM einmal an der Backe hast, dann lässt er dich auch nicht los“, sagt Hülsmann mit einem Schmunzeln. Seit 1963 ist er in irgendeiner Form mit dem Verein verbunden. Damals lernte der heute 76-Jährige den Verein über die ehemalige Turnfesthalle (neben dem Grugastadion, heute „EON“) kennen, in der der TUSEM zu den Hauptnutzern gehörte. Hallenhandball war noch jung, die großen Duelle hießen nicht etwa Gummersbach oder Kiel – die lokalen Begegnungen gegen Schwarz-Weiß Essen oder ESV 99 waren die großen Ereignisse. Und manchmal ging es dabei derart hoch her, dass Zuschauer sogar die Auswechselbank mit ihren Armen erreichten – und zupackten.

Aus dieser frühen Bekanntschaft wurde eine Verbindung fürs Leben. 1975 trat Hülsmann dem Klub von der Margarethenhöhe als Mitglied bei. Wenig später wurde er Mitgründer und Geschäftsführer der Boxabteilung, saß von 1983 bis 1988 im Präsidium – zunächst als Beisitzer, später als stellvertretender Schatzmeister. Seine Rolle war dabei nie die des Sportlers. „Ich habe hier nicht ein einziges Mal gegen den Ball getreten“, sagt er selbst. Seine Stärke lag woanders: im Organisieren, im Verwalten, im Netzwerken – und vor allem darin, zu wissen, wie man Dinge möglich macht.

Das war besonders wertvoll, weil Hülsmann gleichzeitig beruflich bei der Stadt Essen tätig war. Im Sportamt arbeitete er unter anderem als Abteilungsleiter Sportförderung und war Geschäftsführer des Sportausschusses. Damit saß er gewissermaßen auf beiden Seiten des Tisches: Er kannte die Bedürfnisse eines Vereins – und er wusste, wie Verwaltung funktioniert. Diese Kombination wurde für den TUSEM zum Glücksfall.

Als Mitte der 1980er-Jahre die Sporthalle Margarethenhöhe gebaut wurde, war Hülsmann nicht nur irgendein Verwaltungsmitarbeiter. Er war selbst im TUSEM-Präsidium und wusste genau, was der Verein brauchte. Eigentlich war sein offizieller Part erledigt, nachdem die finanziellen Mittel bereitgestellt waren. Hülsmann reichte das allerdings nicht. Er ging zu den technischen Kollegen und sagte sinngemäß: Ich muss mich um diese Halle ein bisschen mehr kümmern. Und dann kümmerte er sich.

Zunächst wurde dafür gesorgt, dass die Halle 300 Zuschauer mehr fassen konnte als ursprünglich vorgesehen. Dann begann die Detailarbeit. Aus einem Geräteraum wurde ein Kraftraum. Die Umkleiden wurden anders geplant, damit Frauen und Männer die Duschen und Toiletten unabhängig voneinander nutzen konnten. Die Spielzeituhr sollte an die Kopfseite der Halle, damit Kampfgericht und Auswechselbänke besser angeordnet werden konnten – und eben nicht von den Zuschauern händisch beeinflusst werden konnten.

Und als Hülsmann bei einem Hallenfußballturnier seines Sohnes auf der Tribüne saß und merkte, dass man wegen der schlechten Akustik kaum etwas verstand, war für ihn klar: in der Halle am Lührmannwald muss eine Akustikdecke her. Also wurde nachgebessert.

Hülsmann war dabei Anfang bis Mitte 30 und hatte es mit Ingenieuren und Bauführern zu tun, die deutlich älter waren als er. Doch er wusste, was er wollte. Und er wusste auch, dass das Geld vorhanden war. Beim Rohbau war die Ausschreibung deutlich günstiger ausgefallen als kalkuliert. Also wurde das Geld nicht einfach liegen gelassen, sondern dort eingesetzt, wo es dem Sport zugutekam. Und so gab es am Ende auch mehr Sportgeräte als eigentlich vorgesehen waren – dank dem einen oder anderen Trick 17.

„Wir haben sicherlich gemeinsam darum gekämpft, dass überhaupt erstmal die Halle kommt“, sagt Hülsmann rückblickend. Und er beschreibt noch einen weiteren Vorteil seiner damaligen Position: Er kannte die Bedürfnisse des Vereins und saß gleichzeitig an der Quelle.

Es war eben diese Verbindung aus Vereinsnähe und Verwaltungserfahrung, die Christian Hülsmann für den TUSEM so wertvoll machte. Und sie sollte Jahrzehnte später noch einmal entscheidend werden. Als Essen ab 2008 massiv in seine Sportinfrastruktur investierte, wollte Hülsmann nicht, dass der TUSEM außen vor blieb. Während in der Stadt immer mehr Kunstrasenplätze entstanden, spielte das Team von der Margarethenhöhe noch auf Asche. Für Hülsmann war das eine Frage der Gerechtigkeit: Wenn alle anderen Vereine ihre Anlagen modernisieren konnten, durfte ein Verein wie der TUSEM nicht zurückbleiben – zumal sonst die Jugendlichen abwanderten.

Gemeinsam mit Dietmar Galla – der ebenfalls bei Stadt und TUSEM in Amt und Würden war – wurde deshalb eine Lösung gefunden: Die Stadt pachtete den Sportplatz von der Margarethe Krupp-Stiftung. Der Verein war damit finanziell entlastet und gleichzeitig war der Weg frei für einen Kunstrasenplatz und eine Kunststofflaufbahn. „Das war eine von den größeren Geschichten“, erinnert sich Hülsmann.

Dass er solche Entscheidungen nicht als persönliche Heldentaten betrachtet, passt zu ihm. Er spricht vielmehr von „wir“. Vom TUSEM, von der Stadt, von Menschen, die gemeinsam etwas aufgebaut haben. Überhaupt ist ihm wichtig, dass man so einen Verein nicht einfach von oben regieren kann. „Da musst du drin sein“, sagt er. Man müsse die Strömungen kennen, die Menschen, die Geschichten. Nur dann verstehe man, was einen solchen Verein wirklich ausmacht.

Vielleicht erklärt das auch, warum der TUSEM für ihn bis heute mehr ist als ein Sportverein. „Ein Stück Lebensgefühl für die Margarethenhöhe“, nennt Hülsmann den Verein. Ein Stück Identifikation. Für den Stadtteil ein Kristallisationspunkt, ein Verein, der in Bezug auf die überschaubare Einwohnerzahl der Margarethenhöhe eine geradezu überdimensionale Bedeutung habe. „Der TUSEM ist in der Essener Vereinslandschaft eine Macht“, sagt Hülsmann, mit dem man stundenlang über den Sport in der Stadt und auf der Höhe reden könnte. Stoff gibt es genug.

Macht wollte er innerhalb des Vereins übrigens nie, auch wenn er die Möglichkeit gehabt hätte Präsident zu werden. „Aber dadurch, dass ich nie hier selbst Sport gemacht habe und alles eher von außen gesehen habe, wäre das nichts für mich gewesen. So ein Verein muss von jemandem geführt werden, der von Grund auf im Verein verwurzelt ist, sich in besonderem Maße mit ihm identifiziert und im besten Fall hier wohnt“, sagt der gebürtige Steelenser.

Mit Uli Gaißmayer hatte der Verein damals ohnehin einen starken Präsidenten, betont Hülsmann, auch wenn der erste Kontakt zu ihm eher holprig lief. Die erste Begegnung war am Telefon. Gaißmayer war ein junger Geschäftsführer beim TUSEM und hatte Stadtmitarbeiter Hülsmann am Telefon ziemlich forsch wegen eines ausstehenden Bauzuschusses angegangen. Hülsmann war damals junger Stadtinspektoranwärter beim Sportamt und eigentlich nur die Vertretung für einen erkrankten Kollegen. Also ging er anschließend zum Verwaltungsleiter und sagte: „Ich habe gerade einen vom TUSEM am Telefon, Gaißmayer. Was ist das für ein Spinner?“ Die Antwort kam prompt: „Herr Hülsmann, der Herr Gaißmayer, das ist mal der kommende Mann beim TUSEM.“

Aus dem jungen Mann am anderen Ende der Leitung wurde tatsächlich eine der prägenden Figuren des Vereins. Und aus dem ersten Telefonat, das Hülsmann heute augenzwinkernd als „direkten Konflikt“ bezeichnet, wurde eine jahrzehntelange Verbindung und Freundschaft. „Uli glaubt mir das nicht, wenn ich das immer sage, aber unser erster Kontakt war direkt ein Konflikt.“

Leidenschaftlich war es für beide immer, wenn es um den TUSEM ging. Aber ohne genau dieses Aufreiben von Hülsmann, Gaißmayer und Co. wäre der Verein zu seinem 100. Geburtstag nicht da, wo er heute ist.


Steckbrief Christian Hülsmann
Alter: 76.
Beim TUSEM seit: 1975.
Sportart: Fußball, Leichtathletik, Boxen (nicht als Aktiver).
Amt: Gründer und ehem. Geschäftsführer der Box-Abteilung, Mitglied des Präsidiums als Beisitzer und dann stellv. Schatzmeister (83-88).
Vorherige Vereine: ETB SW Essen, Rot-Weiss Essen (u.a. Aufsichtsratsvorsitzender).
Diese Sportart im TUSEM würde ich gerne ausprobieren: –
Davon bin ich Fan: Sport im Allgemeinen, Musik (breit gefächert), Rot-Weiss Essen, ETB SW Essen, TUSEM, SG Schönebeck (vor allem Frauenfußball).
Die Margarethenhöhe ohne den TUSEM… wäre wohl zu verträumt. Der TUSEM bringt Action rein.
Der TUSEM in einem Wort: Lebensgefühl (für die Margarethenhöhe) und Identifikation.