Svenja Luxen: „Beim TUSEM sind wir alle gleich“

Es gibt Menschen, die wachsen mit einem Verein auf und manche wachsen in einem Verein auf. Bei Svenja Luxen ist nicht ganz klar, was davon auf sie zutrifft. Aber klar ist, dass der TUSEM definitiv ihre Heimat ist und sie viel ihrer Lebenszeit am Fibelweg und drumherum verbracht hat.
58 Jahre ist Svenja heute alt. Seit 1982 ist sie durchgehend Mitglied – und eigentlich sogar noch länger. Schon als kleines Kind war sie beim Kinderturnen dabei. Doch ihre große sportliche Liebe wurde später der Volleyball. Seit mehr als vier Jahrzehnten ist sie dem TUSEM treu. „Das ist mein Heimatverein“, sagt sie. Ein Satz, der bei ihr besonders gut passt.
Denn Svenja hat beim TUSEM beinahe alles gemacht, was man in einem Verein machen kann. Sie war mehr als zehn Jahre im Vereinsjugendausschuss aktiv, arbeitete ebenfalls über ein Jahrzehnt im Volleyballvorstand, leitete mehrere Jahre das Kinderturnen für die Drei- bis Sechsjährigen, trainierte verschiedene Volleyballmannschaften und steht noch heute als Trainerin der zweiten Damenmannschaft in der Halle. Wenn zwischendurch Zeit bleibt, spielt sie außerdem selbst noch Volleyball.
Dass es überhaupt dazu kam, verdankt sie ihrem Vater. Der war Trainer in der Fußballabteilung und nahm seine Tochter schon früh mit zu Spielen und Mannschaftsfahrten. Sunderland, Grenoble, Berlin – Svenja war mittendrin. Einmal sogar als einziges Mädchen unter einer Gruppe von Jungs. „Da wurde ich von vielen beneidet“, erzählt sie lachend. Ihr Vater hatte allerdings eine klare Ansage an die Jugendlichen: „Finger weg von meiner Tochter.“
Die Reisen sind bis heute Teil ihrer schönsten Erinnerungen. In Berlin gab es noch die Mauer, auf der Transitstrecke mussten die Jungs irgendwann aus dem Bus springen, weil das Bier offenbar schneller getrunken als verdaut wurde. Und auch sonst war Svenja als Jugendliche immer dabei – bei Spielen am Sonntagmorgen genauso wie bei den großen Fahrten.
Der TUSEM war für sie nie einfach nur ein Ort, an dem man Sport treibt. Er war Mittelpunkt. Der Sportplatz, der Schulhof, die Halle und das Klubhaus waren Treffpunkte für eine ganze Generation. „Es war eigentlich immer so, als wir noch in der Schule waren: man ging in der Pause auf den Platz, auf die Asche natürlich“, erinnert sie sich. Und dort wurde gespielt.
Auch ihre eigenen Kinder liefen später selbstständig zum TUSEM. Es war eine Zeit, in der Kinder einfach losgingen. Die Eltern wussten: Irgendjemand kennt sie dort schon, wenn mal was ist.
Heute sei vieles schwieriger geworden, sagt Svenja. Der Verein sei noch immer ein Mittelpunkt der Margarethenhöhe, aber die Gemeinschaft habe sich verändert. Früher traf man sich häufiger einfach so. Heute drohe der Sportverein manchmal zur „Verwahrungsstelle“ zu werden: zweimal in der Woche zwei Stunden Sport – und möglichst wenig mehr. Auch die Kinder werden oft nur zur Bespaßung und Betreuung „abgeliefert“. Dabei ist genau dieses „Mehr“ für Svenja der TUSEM. Gemeinschaft.
Wenn sie an einen Lieblingsort denkt, fallen ihr die Volleyballhalle und die Fußball-Turnierwoche ein. Im Sommer ist der Platz voll, überall Menschen, überall Begegnungen. Früher stand sie bei den Fußballturnieren ihrer Kinder hinter der Kuchentheke, machte Waffelteig und half, wo Hilfe gebraucht wurde. Nur der „heißen Hexe“ oder auch „heißen Kiste“ hat sie sich erfolgreich verweigert.
Und dann sind da die großen Momente. Die erste deutsche Handball-Meisterschaft auf dem Marktplatz ist für Svenja bis heute unvergessen. Die ganze Margarethenhöhe schien damals auf den Beinen. Der Marktplatz war rot und weiß geschmückt, es gab Reden, Jubel, Bier und Würstchen. Kein großes Event-Konzept, keine Cocktailbar – einfach ein Verein, seine Menschen und ein unglaublicher Erfolg. „Das war einfach eine Sensation“, erzählt sie mit einem Strahlen in den Augen.
Auch die Europapokal-Erfolge der Handballer sind fest mit ihrer Familiengeschichte verbunden. Ihre eigenen Kinder durften 2005 beim Finale des EHF-Pokals in Oberhausen mit den Spielern einlaufen. Inklusive des phänomenalen Sieges gegen Magdeburg. Die unterschriebenen Trikots hat Svenja bis heute aufgehoben.
Und dann kam 2020 noch einmal ein ganz besonderer Moment: der Aufstieg der Handballer in die 1. Bundesliga. Wegen Corona musste die Aufstiegsfeier ins Autokino am Flughafen Essen/Mülheim verlegt werden. Also saß Svenja mit ihrer Tochter im Auto und fieberte mit. Eine Freundin saß mit ihrem Mann im Wagen daneben. Die beiden Autos wurden kurzerhand zur kleinen TUSEM-Fankurve – inklusive gegenseitigem Zuprosten.
Vielleicht sind es genau solche Geschichten, die erklären, warum Svenja den TUSEM als „Gemeinschaft“ bezeichnet. Sie wünscht sich, dass diese Gemeinschaft auch in Zukunft erhalten bleibt – und wieder stärker gelebt wird. Mehr Ehrenamt, mehr Miteinander, mehr Beteiligung. Trainer, Betreuer, Fahrer, Trikotwäscher, Kuchenbäcker: Jeder könne seinen Teil beitragen. Nicht, weil es selbstverständlich sei, sondern weil ein Verein nur funktioniert, wenn Menschen bereit sind, etwas zurückzugeben.
Ganz besonders wichtig ist ihr dabei ein Thema: Inklusion. Ihr Sohn musste den TUSEM verlassen, weil es für ihn keine passende Fußballmöglichkeit gab. Heute spielt er erfolgreich in einem anderen Verein und war sogar bei den Special Olympics dabei. Für Svenja bleibt trotzdem ein bitterer Beigeschmack. „Inklusion fehlt beim TUSEM“, sagt sie.
Wenn sie selbst Präsidentin wäre und Geld keine Rolle spielen würde, hätte sie deshalb einiges vor: Die Klaus-Schorn-Sporthalle würde komplett saniert, ein zusätzlicher Hallenteil geschaffen und Trainer in allen Abteilungen vernünftig bezahlt. Das Klubhaus würde modernisiert – aber die Theke müsste bleiben. Und vor allem würde sie alle Abteilungen an einen Tisch holen.
Denn für Svenja sollte es beim TUSEM keinen Unterschied machen, ob jemand Bundesliga oder Kreisliga spielt. Und auch die kleineren Abteilungen sollten die gleiche Wertschätzung bekommen. „Wir sind alle gleich“, ist ihr Appell. Vielleicht ist das die Botschaft, die sich durch Svenjas gesamte TUSEM-Geschichte zieht. Es geht nicht nur um Volleyball. Nicht nur um Handball, Fußball oder Turnen. Es geht um das Gefühl, irgendwo dazuzugehören.
Svenja möchte irgendwann für 50 Jahre Mitgliedschaft geehrt werden. Sechs Jahre fehlen noch. Bis dahin wird sie vermutlich noch viele weitere TUSEM-Geschichten sammeln. Und wenn man sie fragt, ob sie sich vorstellen könnte, irgendwann einmal woanders gewesen zu sein, fällt die Antwort erstaunlich leicht: Nein.
Denn der TUSEM ist für Svenja Luxen nicht einfach ein Sportverein. Er ist ihr Heimatverein.
Steckbrief Svenja Luxen
Alter: 58.
Beim TUSEM seit: 1982.
Sportart: Volleyball, Kinderturnen.
Amt: ehem. Mitglied im Vereinsjugendausschuss, ehem. Vorstandsmitglied der Volleyballabteilung, ehem. Leiterin Kinderturnen (3-6 Jahre), Trainerin der 2. Volleyball-Damen, Spielerin der Hobby-Mannschaft.
Vorherige Vereine: PSV Essen (Schwimmen).
Diese Sportart im TUSEM würde ich gerne ausprobieren: Handball (als Kreisläuferin).
Davon bin ich Fan: Rot-Weiss Essen, Depeche Mode, TUSEM-Handball.
Die Margarethenhöhe ohne den TUSEM… wäre langweilig. Das Vereinsleben ist schön und ein echter Mittelpunkt, auch verbunden mit dem Schulhof.
Der TUSEM in einem Wort: Gemeinschaft.